| 1952
Die Geschichte
des Mercedes-Benz
300 SL W 194 mit der Fahrstellnummer 00006/52, steckt voller
Rätsel und Ungewißheiten. Der Wagen erhielt das Kennzeichen
W83-3146 und wurde am 24.04.1952 vom TÜV geprüft. Seinen
ersten Auftritt hatte er wohl bei der Mille Miglia, wo er mit
großen Türausschnitten und ohne Startnummer als
Trainingsfahrzeug eingesetzt worden sein soll. Beim Rennen im Berner
Bremgarten durfte er dann zum ersten Mal im Wettbewerb ran, in
Silberpfeillackierung (die anderen teilnehmenden W 194 waren,
vielleicht angeregt vom vergangenen Osterfest, hellblau, grün und
rot lackiert). Mit - vermutlich roter - Startnummer 22 pilotierte
ihn Fritz Riess auf Platz 3.
Das
folgende Rennen in Le Mans sah ihn dann zunächst wieder nur
auf der Ersatzbank. Um eine effektivere Verzögerung am Ende der
Hunaudière-Geraden zu erreichen, experimentierten die
Renn-Ingenieure von Mercedes mit einer abenteuerlich aussehenden
beweglichen "Luftbremse", die sich, auf dem Dach hinter den
Türausschnitten montiert, beim Bremsen aufstellte und damit den
Luftwiderstand erhöhte. Es gibt mehrere Fotos eines Wagens mit dem
Kennzeichen "W83-3146" und Startnummer 22 mit der Luftbremse auf dem
Dach, entstanden auf dem Hockenheimring. Auf einen Renneinsatz der
Luftbremse wurde verzichtet - wer weiß, ob die
Rennkommissare ihn genehmigt hätten, immerhin sagt die
Überlieferung, daß die Herren auch dafür verantwortlich
waren, daß nur W 194 mit großem Türausschnitt starten
durften. Im Rennen trug Startnummer 22 diese Konstruktion also nicht,
aber verwirrenderweise ein anderes Kennzeichen, nämlich "W
83-3785". Es gibt Gerüchte, daß das Rennteam hier und da
auch schon mal Kennzeichen ausgetauscht hätte, aber wozu
hätte das hier nötig sein sollen? Es war also nicht FG 06,
welche mit Startnummer 22 am Rennen teilnahm, sondern FG 08, der das
Kennzeichen "W83-3875 offiziell zugeteilt war.
Den
zweiten und letzten Renneinsatz 1952 hatte FG 06 beim Rennen am 3.
August auf dem Nürburgring. Wie auch die anderen drei
teilnehmenden W 194 wurde FG 06 für dieses Rennen "enthauptet",
erhielt als "Spyder" die Startnummer 23 und grüne
Kotflügelrauten. Ein Sieger-Gen hatte der Wagen trotzdem nicht,
Theo Helfrich steuerte ihn auf Platz 4, während seine drei
Markenkollegen das Podium besetzten. Bei der Carrera Panamerica
mußte er zuhause bleiben. Er hatte ausgedient.
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Abb.
1: FG 06 1952 bei Tests auf dem Hockenheimring
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Abb.
2: FG 06 vor dem Nürburgring-Rennen |
Abb.
3: Helfrich mit FG 06 auf dem Nürburgring
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| 1953
- 1961, 1963 - 1998
Geht man nach
Riedner/Engelen, durfte er aber bereits im folgenden Jahr doch noch
über den Atlantik reisen. 1953 soll FG 06 nach Argentinien an die
dortige Daimler-Benz-Dependance verschifft worden sein, weiteres
Schicksal nicht überliefert.
Folgt man hingegen Lewandowski, wurde das Fahrzeug zum Coupé
zurückgebaut und soll mit der Rennausstattung des Le-Mans-Siegers
(Startnummer 21) auf der Motorshow Paris ausgestellt worden sein.
Anschließend blieb der Wagen bis 1970 in Deutschland, wurde dann
in die USA verkauft und soll dort mit einer 1955er
Stahlblechkarosserie des W 198 und mit Roadster-Scheinwerfern (!)
umgebaut worden sein.
Ich habe keine belastbaren Informationen, wo der Wagen zwischen 1953
und 1961 war, und ebenso keine über den Verbleib zwischen 1963 und
1998.
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1962, Juli
Beim ADAC-Rennen am 1. Juli 1962 auf dem Norisring nahm ein
ungewöhnlicher, zehn Jahre alter Gebrauchtwagen unter der
Startnummer 54 teil. Der Fahrer hieß Hans Schuller, und das von
ihm privat eingesetzte Fahrzeug war ein Mercedes-Benz 300 SL, doch
weder ein von 1954 bis 1957 gebautes Serienfahrzeug des
"Flügeltürers", noch einer der eleganten Roadster, deren 1957
begonnene Fertigung zu diesem Zeitpunkt auch schon wieder kurz vor dem
Aus zugunsten des 230 SL "Pagode" stand. Was Hans Schuller chauffierte,
war eines der wenigen Exemplare der 1952 gebauten Werksrennwagen vom
Typ W 194, nämlich das mit der Fahrgestell-Endnummer 06, im April
1952 TÜV-geprüft und mit dem Kennzeichen W 83-3146
angemeldet. Zehn Jahre später hatte Schuller bei der
Zulassungsstelle nun das Kennzeichen "LB - UV 35" erhalten. Das
Norisring-Rennen beendete er mit einem achtbaren 7. Platz in der
Gesamtwertung.
Wie es dazu kam, daß Schuller diesen Wagen kaufen konnte,
weiß ich nicht. Bekannt ist aber, daß Mercedes-Benz die
ausgemusterten früheren Aushängeschilder des Werks damals
noch recht stiefmütterlich behandelte. Die W 194 wurden als
Versuchskaninchen benutzt, als Gebrauchtwagen auch ins Ausland
verkauft, oder schlicht wegen Platzmangels verschrottet. |
Abb. 4:
Schuller mit FG 06 auf dem Norisring, hier noch ohne
Startnummer
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Abb. 5:
Schuller in Aktion auf dem Norisring

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Abb. 6:
Schuller am Start beim Gaisbergrennen
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1962, September
Einen
weiteren Einsatz hatte
Fahrgestellnummer 06 zwei Monate später beim Großen
Bergpreis von
Österreich, bekannt als Gaisberg-Rennen, und wurde erneut
pilotiert.von Hans Schuller. Zu den direkten Konkurrenten in seiner
Wertungsklasse "Grand-Tourisme-Wagen über 1600 ccm" zählten
drei Ferrari 250 GT, zwei Jaguar E, ein Austin Healey, ein Triumph TR
3, ein Mercedes-Benz 190 SL, und ein weiterer 300 SL, dieser allerdings
ein neueres W 198 Coupé mit der Startnummer 167. Schullers
Vorgängermodell W 194 trug die Startnummer 166.
Beim Training am Freitag, 7.9., herrschten Regen und Nebel, und der
frisch
asphaltierten Strecke fehlte der Grip. Mit der Folge, daß einige
Teilnehmer ihren Wagen neben die Strecke setzten, darunter z. B. der
Krupp-Neffe Arnold v. Bohlen-Halbach, der sich dabei das Nasenbein
brach.
Ganz anders Hans Schuller mit seinem Oldtimer: in einer Zeit von
5'44,08'' absolvierte er, überraschend für den Chronisten,
die schnellste freitägliche
Trainingsfahrt am Gaisberg.
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Am Rennsonntag strahlte die Sonne, als Schuller
im ersten Rennen seinen W 194 den Berg hinauf zirkelte. Dabei
unterlief
ihm wohl ein Fahrfehler, die Folge war, wie die "Schweizer Automobil
Revue" dezent vermeldete, daß er durch einen "leichteren Sturz"
ausschied.
Als ich das erste Foto des Unfallwagens sah und noch keine
Hintergrundinformationen besaß, lief es mir kalt den Rücken
herunter - das konnte der Fahrer doch kaum überlebt haben?
Offensichtlich hatte der W 194 keinen Überrollkäfig, und er
lag wie ein Käfer auf dem unter der Karosserie
plattgedrückten Dach. Nachdem weitere Fotos recherchiert waren,
stellte sich auch für mich bald heraus,
daß Schuller ohne größere Blessuren davongekommen war,
was man angesichts der spektakulären Fotos nur unter "Glück
gehabt" rubrizieren kann. Damit nicht genug, der Wagen wurde wieder auf
die Räder gestellt, das Dach notdürftig herausgedrückt,
und Schuller höchstpersonlich fuhr seinen lädierten Rennwagen
vom Ort des Geschehens weg.
In der Pause vor dem zweiten Rennen wurden dann die Reste des Dachs
mitsamt den daranhängenden Türausschnitten komplett
abgetrennt, ein paar Flick- und Ausbeularbeiten vorgenommen, und der
Wagen wieder an den Start gebracht.
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Abb.
7: Schuller bergauf unterwegs, kurz vor dem Crash
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Abb.
8: Ein "leichterer Sturz"
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Abb.
9: Geht doch!
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Abb.
10: Als "Spyder" im zweiten Rennen (unten)
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Offenbar durfte oder konnte Schuller
seinen W 194 jedoch nicht mehr ins Ziel bringen, in der Ergebnisliste
wurde er als "DNF" geführt.
Was Hans Schuller mit seinem W 194 anschließend gemacht hat,
entzieht sich meiner Kenntnis.
1999 - 2009
Neuere
Informationen besagen, daß FG-Nr. 06 zusammen mit Nr. 7 im August
1999 vom Auktionshaus
Brooks
in schlechtem Zustand (FG 07 als "rolling chassis", FG 06 durch Feuer
stark
beschädigt) versteigert wurde und sich in US-Privatbesitz (s.a. FG
07) befindet.
2002 wurde FG 06 im MB Classic Center restauriert..
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Ob
der W 194 mit SN 22 und
Luftbremse, der im Februar 2009 auf der
Retromobile
in Paris
ausgestellt
war, Ergebnis dieser Restaurierung ist, bleibt zu recherchieren. Ich
gehe aber davon aus.
Am
21.9.2010 veröffentlichte der
Oldtimer-Ticker eine Pressemitteilung der Automobilia-Auktion
Ladenburg, der zufolge in der "Mercedes-Spezial" November-Auktion "57
Originalaufnahmen des Fahrzeugs sowie ein Schreiben der Daimler-Benz AG
aus dem Jahre 1961" zur Versteigerung kommen, die "etwas mehr Licht ins
Dunkel" des "Rätselratens" um Hans Schuller und seinen Kauf von
Fahrgestellnummer 06 bringen würden. Dazu würde auch
gehören, ob Schuller den Wagen tatsächlich "in vielen Rennen
eingesetzt" hat, wie es in der Pressemitteilung heißt.
Ja, dieses Konvolut bekäme ich gerne mal zu Gesicht. ☐
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Abb. 11: Wiederaufgebaut
- ist das Fahrgestellnummer 06? (2010)
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Bildnachweis
/ Copyrights:
MB-Werksarchiv
(Abb. 1 bis
3, 11)
N.
N. (Abb. 4 und 5)
Artur
Fenzlau, Technisches Museum Wien (Abb. 6)
Erwin
Jelinek, Technisches Museum Wien (Abb. 7 bis 10)
Ralf-Otto
Pferdmenges (Foto
300-SL-Schriftzug am Seitenanfang)
www.mb300sl.de
(Text und
Layout)
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Vielen Dank an Werner
Pichler, ohne den es diese Seite nicht geben würde.
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Ich bedanke mich beim
Technischen Museum Wien für die freundliche Genehmigung, Fotos aus
ihrer Sammlung an dieser Stelle zu veröffentlichen.
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Quellen:
Pressemitteilung der Automobilia-Auktion Ladenburg zur
Mercedes-Spezial-Auktion am 27. November, zitiert nach Oldtimer-Ticker
vom 21. September 2010
M. Pfundtner: "Mitters zweiter Gaisberg-Sieg", aus Schweizer Automobil
Revue vom 13.09.1962
Plakat zum ADAC Noris-Ring-Rennen 1. Juli 1962
Offizielles Programm "Großer Bergpreis von Österreich -
Gaisbergrennen", via Technisches Museum Wien
Webpräsenz
des Technischen Museums Wien, abgerufen am 12.05.2026:
Lewandowski,
Jürgen: Mercedes-Benz
300 SL, Art
& Car Edition; Südwest-Verlag, München,
ca. 1988
Engelen,
G. / Riedner, M.: Mercedes-Benz
300 SL - Vom Rennsport zur Legende, Fotos
von Hans-Dieter Seufert, Motorbuch-Verlag, Stuttgart; 1. Auflage 1989;
2.
überarbeitete und erweiterte Auflage 1999
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